Informationen für Ärzte

Die Bindegewebsmassage der Elisabeth Dicke ist eine gut wirksame und neurophysiologisch plausibel erklärbare Therapiemethode. Ihre Effekte sind weniger, wie einstmals Frau Dicke meinte, auf die besonderen Eigenschaften des Bindegewebes selbst, als vielmehr auf die Reaktionen der subkutan in ihm lokalisierten nervalen Rezeptoren und freien Nervenendigungen zurückzuführen.

Diese werden bei den speziellen „Strichführungen“ der massierenden Finger, dem „Durchziehen“ und „Anhaken“ gereizt und lösen dann lokale „Axonreflexe“, spinal-segmentale Reflexmechanismen und Globalreaktionen des Körpers aus, die motorischer oder vegetativer Natur sind, also glatte und quergestreifte Muskulatur sowie Drüsen in ihrer Funktion ändern, d.h. stimulieren oder entspannen. Somit sind vor allem krankhafte und Beschwerden (etwa Schmerzen) verursachende Funktionsstörungen der Motorik und des Vegetativums das Ziel der Therapie mittels Bindegewebsmassage.

Die über das Rückenmark ablaufenden Segmentreflexe sind wohl die effektivsten, ihre Bahnverbindungen sind in der Abbildung nachzuvollziehen. Es wird ersichtlich, dass sensible Reize (Massage) von der Haut sowohl Spannungslösung der segmententsprechenden Muskulatur bewirken kann, als auch Spasmuslösung im Darm oder den Blutgefäßen oder Stimulation der glattmuskulären Organe. Es sind durch die vegetativen Efferenzen regionale Durchblutung, Herzfrequenz, Blutdruck, Magen-Darm- oder Blasenmotilität und die zugehörige Drüsenaktivität beeinflussbar.



Abb.1.12 Schema der Nervenverbindungen zwischen inneren Organen, Muskeln und Haut-Unterhaut: die viszerogenen und kutiviszeralen Spinalreflexe
(aus: Roland Schiffter und Elke Harms: Bindegewebsmassage. Neuronale Abläufe-Befund-Praxis. 14. überarbeitete Auflage. Georg Thieme Verlag Stuttgart New York, 2005)


Regionale Schmerzen (etwa bei Bandscheibenprotrusionen) sind damit besserungsfähig einerseits durch die Lösung der Muskelverkrampfungen und andererseits durch Blockierung der an der Rückenmarkshinterwurzel eintreffenden Schmerzreize durch die konkurrierend ankommenden Massagereize. Wir wissen sicher, dass gleichzeitig eintreffende sensible (Schmerz-) Reize sich gegenseitig in der Hinterwurzeleintrittszone auslöschen können durch spezifische Blockierungsmechanismen nach der Art, wie sie die sog. „gate control theory“ darzustellen versuchte. Die Einzelheiten sind noch nicht ganz verstanden und bedürfen weiterer Forschung.

Die Axonreflexe in der massierten Haut sind direkt zu beobachten an Hand der Tatsache, dass sich die behandelte Haut rötet durch massive Erweiterung von Kapillaren, Arteriolen und kleinen Arterien.

Die globale Wirksamkeit der Bindegewebsmassage wie etwa die Blutdrucksenkung, eine allgemeine Muskelentspannung oder Schwitzen bis hin zu entspanntem allgemeinen, also psychischen Wohlbefinden erklärt sich zwanglos damit, dass die Massagereize über die sensiblen Nerven und Rückenmarksbahnen zu Hirnstamm, limbischem System und Großhirn projiziert werden und dort die entsprechenden Reaktionsweisen in Gang setzen.

Die Indikationen zur Bindegewebsmassage sind somit sehr vielfältig und ihre Wirksamkeit ist unstrittig.
Nicht geeignet ist die Therapie bei akuten Entzündungen, Blutungen, frischen Infarkten, frischen Traumafolgen, Tumoren oder anderen destruierenden Prozessen.

Die Domäne der Bindegewebsmassage sind alle funktionellen Störungen, chronischen Schmerzen und die Rehabilitationsphasen praktisch aller Akutkrankheiten aus allen medizinischen Fachgebieten. Selbst gestressten Menschen mit psychosomatischen Beschwerden kann damit geholfen werden. Einzelheiten sind in der einschlägigen Literatur nachzulesen.

Literartur-Empfehlung:
Roland Schiffter und Elke Harms:
Bindegewebsmassage. Neuronale Abläufe – Befund – Praxis.
14. überarbeitete Auflage. Georg Thieme Verlag Stuttgart New York, 2005


Prof. Dr. Roland Schiffter                                                           Berlin, den 15.10.2006
Neurologe
Wiesenerstr. 53
12101 Berlin


VITA
5.12.1937

1955


1960 / 1961

1963


1968

1971 / 1972

1977


1981


2000



2003

geboren in Polleben bei Eisleben

Abitur in Senftenberg / Nierderlausitz
Medizinstudium an der Humboldt-Universität, Berlin

Staatsexamen, Promotion zum Dr.med.

Weiterbildung zum Nervenarzt,
Freie Universität Berlin (Prof. Stender, Prof. Selbach, Prof. Schliack)

Facharzt für Neurologie und Psychiatrie

Habilitation und Ernennung zum Professor für Neurologie

Kommissarischer Leiter der Neurologischen Klinik und Poliklinik im FU-Klinikum, Berlin-Steglitz

Chefarzt der Neurologischen Klinik im Krankenhaus Am Urban, Berlin-Kreuzberg

Chefarzt der Neurologischen Kliniken im Auguste-Viktoria-Klinikum, Berlin-Schöneberg
im Wenckebach-Klinikum, Berlin-Tempelhof

Pensionär
Weit über 100 wissenschaftliche Publikationen als Einzelarbeiten, Hand- und Lehrbuchbeiträgen sowie eigene Bücher aus dem Gesamtgebiet der Neurologie und ihrer Grenzbereiche zu den Kulturwissenschaften